{"id":6551,"date":"2022-07-18T15:13:14","date_gmt":"2022-07-18T13:13:14","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.saarphilatelie.com\/?p=6551"},"modified":"2024-10-07T10:59:42","modified_gmt":"2024-10-07T08:59:42","slug":"artikel-in-spiegel-und-saarbruecker-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archive.saarphila.de\/?p=6551","title":{"rendered":"Artikel in Spiegel und Saarbr\u00fccker Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Hallo<\/p>\n<p>Im Magazin \u2039Der Spiegel\u203a (<b>1<\/b>) vom 9. Juli 2022 schrieb Klaus Wiegrefe unter dem Titel <strong>\u00abDer Plan des Generals\u00bb<\/strong>, Frankreich h\u00e4tte nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu 800\u2019000 Menschen deportieren wollen. Die \u2039Saarbr\u00fccker Zeitung\u203a doppelte zwei Tage sp\u00e4ter in der Ausgabe vom 11. Juli 2022 mit einem halbseitigen Bericht nach. Titel <strong>\u00abAls Frankreich die Saarl\u00e4nder vertreiben wollte\u00bb<\/strong>.<\/p>\n<p>Ich denke, ihr habt diese reisserischen Schlagzeilen gesehen und vielleicht auch die entsprechenden Artikel gelesen. F\u00fcr diejenigen, welche die Artikel nicht gelesen haben, ein sehr kurzer Abriss.<\/p>\n<p>\u00abH\u00e4tte man Frankreich nach dem Krieg machen lassen, dann w\u00e4re das Saarland heute ein Teil Frankreichs\u00bb \u2013 eine wahrhaft grauenvolle Vorstellung, nicht wahr? In der <strong>HeuteShow<\/strong> h\u00e4tte man sich nicht \u00fcber die territoriale Kleinheit des Saarlandes am\u00fcsiert [<strong>YouTube-<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=F_9YAa7umOs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link<\/a><\/strong>].<\/p>\n<p>\u00abUnd die Franzosen h\u00e4tten dar\u00fcber hinaus die Saarl\u00e4nder aus dem Saarland vertrieben!\u00bb Ein Saarland ohne Saarl\u00e4nder! Das ist tats\u00e4chlich eine grauenvolle Vorstellung. Ich mag sie n\u00e4mlich, die Saarl\u00e4nder. Vielleicht nicht alle, aber doch sehr viele.<\/p>\n<p>Zum Schluss: \u00abDas diese Horrorszenarien nicht eintrafen, verdanken die Saarl\u00e4nder den Briten und US-Amerikanern\u00bb \u2013 wollen uns zumindest die Autoren glauben machen. Zwischen den Zeilen scheint noch durch: \u00abWeil das, was die Franzosen damals planten, so entsetzlich perfide war, geschah es ihnen nur recht, dass die Saarl\u00e4nder am 23. Oktober 1955 das ein Jahr zuvor zwischen Frankreich und der BRD (also ohne die Saarl\u00e4nder) abgeschlossene <strong>Europ\u00e4ische Saarstatut<\/strong> ablehnten.\u00bb Worauf, wie wir wissen, das Saarland am 1. Januar 1957 dem Geltungsbereich des deutschen Grundgesetzes beitrat.<\/p>\n<p>Stimmt das, was uns da in den Medien frisch aufgekocht serviert wurde? Beide Berichte\u00a0basieren auf der Studie <strong>\u00abDie unvollendete Annexion. Frankreich und die Saar 1943 bis 1947\u00bb<\/strong>. (<b>2<\/b>) Diese Studie verfasste der aus dem Saarland stammende Historiker Prof. em. Wilfried Loth. Ich habe sie f\u00fcr euch gelesen und analysiert.<\/p>\n<p>Ich fasse mich kurz.\u00a0Ja, Frankreich plante seit <strong>Oktober 1944<\/strong>, das Saarland zu annektieren. W\u00e4re dies geschehen, w\u00e4re das Saarland heute ein Teil der franz\u00f6sischen Republik. Die Annexionspl\u00e4ne wurden in den folgenden zwei Jahren immer wieder modifiziert und Ende 1946 endg\u00fcltig fallen gelassen. Und ja, in franz\u00f6sischen Regierungskreisen wurde Ende 1944\/Anfang 1945 ernsthaft \u00fcberlegt, die zum gr\u00f6ssten Teil ohnehin evakuierte Bev\u00f6lkerung des Saargebietes (<strong>3<\/strong>) nicht in ihre Heimat zur\u00fcckkehren zu lassen. Von den wenigen verbliebenen Einwohnern sollten die Nazis sowie Frankreich gegen\u00fcber feindlich eingestellte Personen ausgewiesen oder nach W\u00fcrttemberg, Baden und die franz\u00f6sischen Kolonien umgesiedelt werden.<\/p>\n<p>Ordnen wir diese beiden Fakten, die Annexionspl\u00e4ne wie die Umsiedlungspl\u00e4ne franz\u00f6sischer Regierungskreise, historisch ein. Wir stellen fest, dass die Planer voll im Trend lagen. S\u00e4mtliche Alliierte waren sich einig, dass massenhafte Umsiedlung von Deutschen (bei den Sowjets auch Polen) eine friedensf\u00f6rdernde Massnahme sei. Warum? Die Alliierten beriefen sich auf den Bev\u00f6lkerungsaustausch zwischen der T\u00fcrkei und Griechenland. Trotz aller zum Teil unmenschlichen H\u00e4rten, welche die Vertreibungen mit sich brachten, sch\u00e4tzten beide Regierungen die\u00a0ethnische Homogenisierung ihrer jeweiligen Staaten als positiv und stabilisierend ein. Auch war es erst sieben Jahre her, dass Hitler im Hinblick auf seine Eroberungspl\u00e4ne gegen\u00fcber der Weltgemeinschaft den Schutz deutscher Minderheiten in der Tschechoslowakei und in Polen als Vorwand und Druckmittel verwendet hatte.\u00a0Dem wollte man von vorne herein einen Riegel schieben.<\/p>\n<p>Die Umsetzung der franz\u00f6sischen Pl\u00e4ne setzte voraus, dass franz\u00f6sische Truppen als Erste das Gebiet an der Saar besetzen w\u00fcrden.\u00a0Dies war bekanntlich nicht der Fall. Truppen der 7. US-Armee besetzten am 20.\/21. M\u00e4rz 1945 das Saargebiet und errichteten dort z\u00fcgig eine funktionierende Zivilverwaltung. Nach der bedingungslosen Kapitulation im Mai 1945 liess die amerikanische Milit\u00e4rverwaltung die evakuierte saarl\u00e4ndische Bev\u00f6lkerung in ihre Heimat zur\u00fcckkehren. Dies liess den Plan eines Saarlandes ohne Saarl\u00e4nder schon einmal Makulatur werden.<\/p>\n<p>Am 10. Juli 1945 \u00fcbergab die US-amerikanische Milit\u00e4rverwaltung das Gebiet an der Saar als Teil der franz\u00f6sischen Besatzungszone (Zone d&#8217;occupation fran\u00e7aise en Allemagne) an franz\u00f6sische Truppen. Nun gingen franz\u00f6sische Planer davon aus, dass etwa 100&#8217;000-150&#8217;000 feindselige Elemente sowie Nazis ausgewiesen werden m\u00fcssten, die restliche Bev\u00f6lkerung liesse sich bei guter Pflege leicht assimilieren. G\u00e9n\u00e9ral\u00a0<strong>Charles de Gaulle<\/strong>, der Chef der provisorischen Regierung des befreiten Frankreich hielt nichts von Ausweisungen. Er setzte mehr auf Assimilation. Doch seine Vision einer franz\u00f6sischen Rheingrenze liess ihn den einzigen Zeitpunkt, die Region an der Saar mit Zustimmung aller Alliierten zu annektieren, verpassen. Nach dem R\u00fccktritt De Gaulles im Januar 1946 folgten innerhalb von 12 Monaten drei eher schwache, von innen- wie aussenpolitischen Krisen gebeutelte Regierungen. Franz\u00f6sische Politiker verfolgten in ihrer Deutschlandpolitik das Ziel, den \u00fcberm\u00e4chtigen Nachbarn im Osten m\u00f6glichst dezentral zu gestalten. Verst\u00e4ndlich, nach vier \u00dcberf\u00e4llen in 70 Jahren wollte man sich endg\u00fcltig absichern und wohl auch eine Vorrangstellung in Europa erlangen. Sie stemmten sich gegen viele Vorschl\u00e4ge der anderen Alliierten und versuchten \u2013 wie schon vor dem 1. und 2. Weltkrieg \u2013 Russland resp. die Sowjetunion auf ihre Seite zu ziehen. Das kam bei Briten und US-Amerikanern nicht gut an. Diese standen vor einem riesigen logistischen Problem, wo Engstirnigkeit und verschachtelte Zust\u00e4ndigkeiten nur Bremsschuhe waren. Im Sommer 1946 verst\u00e4ndigten sich Briten und US-Amerikaner auf eine gemeinsame Verwaltung ihrer Besatzungszonen (Bi-Zone). Der aufkeimende Ost-West-Konflikt liess eine Zerst\u00fcckelung Deutschlands obsolet werden. Der Zeitpunkt f\u00fcr eine Annexion des Saarlandes war aufgrund Inkompetenz franz\u00f6sischer Politiker ungenutzt verstrichen. Von Ausweisungen und Vertreibungen im grossen Stil sprach niemand mehr. Am 18. Januar 1947 verabschiedete die erste Regierung der IV. Republik ein Massnahmenpaket zur Saar-Frage und verfolgte dann konsequent den Aufbau eines demokratischen und autonomen Saar-Staates unter franz\u00f6sischer Hegemonie.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong>: Nicht den Briten und US-Amerikanern ist es zu verdanken, dass das Saarland nicht in Frankreich aufgegangen ist. Es war das schlechte Timing inkompetent agierender franz\u00f6sischer Politiker.<\/p>\n<p>Die Studie von Wilfried Loth wirft auch ein differenziertes Licht auf die Person von <strong>Gilbert Grandval<\/strong>. Grandval wurde von De Gaulle am 31. August 1945 als Nachfolger von G\u00e9n\u00e9ral Moli\u00e8re zum Milit\u00e4rgouverneur an der Saar ernannt. Geschickt formte Grandval das Gebiet an der Saar territorial wie politisch zu einem wirtschaftlich eigenst\u00e4ndigen Saarland. Dabei musste er h\u00e4ufig Widerst\u00e4nde sowohl in Paris wie auch in Baden-Baden, dem Sitz der franz\u00f6sischen Milit\u00e4rverwaltung f\u00fcr Deutschland, \u00fcberwinden. Seinem Wirken ist es massgeblich zu verdanken, dass an der Saar ein demokratisch legitimierter, von der Bev\u00f6lkerung wie den Parteien getragener, halbautonomer Saar-Staat (\u00c9tat Sarrois) entstand.<\/p>\n<p>Weshalb 1955 der breite politische und gesellschaftliche Konsens im Saarland zerbrach ist eine andere Geschichte. Es war sicherlich keine Retourkutsche f\u00fcr Frankreich. Wilfried Loth schlussfolgert in seiner Studie:\u00a0Die Ablehnung des Europ\u00e4ischen Saarstatuts 1955 zeigt, dass die von Frankreich betriebene Demokratisierung der Saarl\u00e4nder \u00abbei allen Unzul\u00e4nglichkeiten im Einzelnen\u00bb erfolgreich war.<\/p>\n<p>Bis dann<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">__________<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p>(<strong>1<\/strong>)\u00a0\u2039Der Spiegel\u203a Nr. 28, 9. Juli 2022, S. 50 (<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/frankreich-wollte-nach-kriegsende-das-saargebiet-annektieren-und-hunderttausende-saarlaender-deportieren-studie-a-f897d543-1e45-441c-9534-112c7dd8dd97\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Link<\/strong><\/a>, kostenpflichtig)<\/p>\n<p>(<strong>2<\/strong>)\u00a0Loth, Wilfried: \u00abDie unvollendete Annexion. Frankreich und die Saar 1943 bis 1947\u00bb; in: Vierteljahreshefte f\u00fcr Zeitgeschichte Bd. 70, 3\/2022, S. 513-548 (<a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/vfzg-2022-0030\/html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Link<\/strong><\/a>, bis Ende September 2022 frei zug\u00e4nglich)<\/p>\n<p>(<strong>3<\/strong>) Die evakuierte <strong>Rote Zone<\/strong> entlang der Grenze umfasste unter anderem die grossen Industrieorte Dillingen, V\u00f6lklingen sowie Saarbr\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">__________<\/p>\n<p>Folgt mir auf <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/SaarPhilatelist\"><b>Facebook<\/b><\/a> und ihr seid immer auf dem Laufenden.<\/p>\n<p><strong>#saarphila #saarphilatelie<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo Im Magazin \u2039Der Spiegel\u203a (1) vom 9. Juli 2022 schrieb Klaus Wiegrefe unter dem Titel \u00abDer Plan des Generals\u00bb, Frankreich h\u00e4tte nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu 800\u2019000 Menschen deportieren wollen. Die \u2039Saarbr\u00fccker Zeitung\u203a doppelte zwei Tage sp\u00e4ter in der Ausgabe vom 11. Juli 2022 mit einem halbseitigen Bericht nach. 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